Die Free- und Shareware-Community hat seit Erfindung der Steinberg
VST-PlugIn-Schnittstelle (und neuerdings auch das plattformabhängige
Apple Macintosh-Format "Audio Units") mit den Jahren einige
Warpsprünge vollzogen. Mittlerweile ist durch die weite Welt des
Internets und deren praktische Adaption in der Audio- und Sequencerwelt
ein riesiger Austausch an Entwicklungsarbeit von unermüdlichen
Programmierern vorzufinden.
Der in Berlin lebende Sascha Eversmeier und seine kleinen Fischchen, die
immer wieder ohne großes Pauken- und Trompetenfeuer das Licht der
Wasseroberfläche erblicken, ist einer davon. Nicht nur in der
GROOVE-Magazin-Ausgabe des letzten Sommers (Nr.76 Juni 02 - http://www.groove.de)
wurde er von der Technikredaktion (Bob Humid alias Robert Feuchtl) in
den
PlugIn-Himmel gelobt. Das hat durchaus seine Gründe, denn seine
Qualitäten brauchen sich nicht hinter kommerziellen Produkten zu
verstecken. Ein PlugIn ganz anderer Art konnte man im KEYBOARDS-Magazin
nachlesen und antesten (KB-Ausgabe 08/02), denn hier gab es einen
ausführlichen Artikel über die Pentium 4-Denormalisations-Problematik
und die passende Software-Abhilfe auf CD.
Auf seiner englischsprachigen Website http://www.digitalfishphones.com bietet Sascha Eversmeier verschiedene Devices zur Signalbearbeitung an. Die Palette reicht von Kompressoren, Röhren-Simulationen, Excitern, bis zu Denoiser, De-esser, Expander und Brachial-Verzerrern. Obwohl die ganze Entwicklung nur in freizeitlicher Eigenregie stattfindet und sein Hobby kaum mit seinem eigentlichen Hauptberuf verwandt ist, hat er sich länderübergreifend in weiten PlugIn- und Entwickler-Kreisen einen Namen machen können. Der Durchbruch kam mit dem Signal-Modelling-Device DOMINION (Ein PlugIn zur Beeinflussung von Einschwingphasen, sog. "Transienten" von beliebigen Audiosignalen. Damit lassen sich z.B. dumpfe, lasche und dynamikarme Aufnahmespuren von Schlagzeug- und Mastermixaufnahmen aufpeppen). Seit einiger Zeit erhält Sascha Unterstützung von Urs Heckmann, einen weiteren Kult-Programmierer (http://www.u-he.com), der die Mac-Portierungen seiner VST-PlugIns erstellt und auch ganz eigene Klangerzeuger für die Audio-Unit-Schnittstelle in Petto hat.
Im Januar 2003 habe ich mich mit Sascha per E-Mail in Verbindung gesetzt, um mich hinter die Kulissen seiner Arbeiten zu begeben und einen kleinen Eindruck an Einsteiger und Neugierige weiterzuvermitteln, die gerne den Ursprung einer zunehmend beliebten Freeware kennenlernen möchten.
MEMI: Wie bist du nach Berlin gekommen?
Sascha Eversmeier: Ich stamme eigentlich aus dem östlichsten Zipfel Westfalens; meine Freundin wollte eigentlich in Hannover studieren, aber die ZVS hat sie nach Berlin geschickt. Es folgten ein paar Jahre Fernbeziehung. Als ich mit meiner Ausbildung durch war, bin ich nach Berlin gefolgt.
MEMI: Fühlst du dich hier wohl?
Sascha Eversmeier: Nun, ich hab einen vernünftigen Job hier, und meine Freundin macht
gerade ihre Doktorarbeit, deshalb sind wir schon noch ein Weilchen an
diese Stadt gebunden. Aber eigentlich ist es nicht meine Traumstadt.
Wahrscheinlich bin ich zu bodenständig, aber sehr viele Leute sind
mir sehr suspekt hier. In den letzten Jahren hat Berlin auch an Reiz
verloren, die Stadt putzt sich als Weltmetropole heraus, verliert
aber an Identität. Seit neuestem sind sogar Currywurstbuden wegen
Nicht-In-Sein im Stadtzentrum behördlich unerwünscht. Und das in der
Geburtsstadt der Currywurst...
Auch bei dieser massiven Armut und dem Wegbrechen einer ganzen
Mittelschicht in Berlin kann man nicht so einfach wegsehen.
Was ich auch vermisse, ist echte Lebensqualität. Nicht zuletzt
deswegen wird es mich langfristig in Berlin nicht halten.
MEMI: In welcher Szene (Music, Coder, Gfx etc.) bist du öfters unterwegs?
Sascha Eversmeier: Ich bin gar nicht so ein Szenemensch. Früher war alles musikalisch
bedingt, ich habe bis zu meinem Umzug 12 Jahre in Bands gespielt,
mit den gleichen Leuten bin ich auch z.T. erwachsen geworden und habe
andere Lebensbereiche mit ihnen geteilt.
Ansonsten sind gerade die 'Szenen' im Netz für mich eher zur
Informationsbeschaffung da. Ich schaue relativ häufig bei kvr-vst
rein, im Keyboards-Forum, bei Sound-On-Sound, und ab und an stelle ich
die eine oder andere dumme Frage in der VST Developer List oder auf
music-dsp.org.
Seit ich Urs kenne, nimmt das eigene Suchen nach Infos stetig ab; er
hat mehr Elan und Fassungsvermögen für DSP-basierten Kram. Ich frag
ihn einfach das, was ich wissen muss, und er antwortet bereitwillig.
MEMI: Wie habt ihr euch kennengelernt?
Sascha Eversmeier: Ich bekam eine Mail von ihm, er hätte Bock, ein bisschen
Mac-Portierung zu betreiben und dachte da an dominion. Seitdem
treffen wir uns ab und an in der Stadt, und die Hirngespinste nehmen
mit jedem Bier zu.
Das ist so ein bisschen wie bei 'Pinky und der Brain'. Ich bin Pinky
und versuche die ganze Zeit, die Pläne von Urs zu begreifen, während
der schon wieder ganz woanders ist... :D
MEMI: Was unterscheidet diesen Job von einen "normalen" Software-Entwickler?
Sascha Eversmeier: Man hat alle Zeit der Welt und kann sich austoben, ohne dass im Outlook die Terminerinnerung klingelt oder der Teamleiter mit der Bugliste ins Zimmer gerannt kommt... ;)
Ich sehe mich eigentlich weniger als Softwareentwickler, sondern eher als Elektronikbastler. Sowas habe ich schon von Kind an gemacht. Das Eisen-III-Chlorid ist jetzt hat MS VisualStudio und die Bauteile sind jetzt halt Funktionen irgendwelcher Klassen. Ich hänge aber sehr an der Elektronik; ginge dies verloren, würde ich augenblicklich mit dem Coden aufhören.
MEMI: Warum hast du angefangen, Plug-Ins zu programmieren?
Sascha Eversmeier: Angefangen hat es mit THD, ich wollte einfach mal ein paar coole Distortions haben und ohne Hard Clipping den Pegel von ein paar Files anheben, aber alles andere klang irgendwie zu trashig. Zu der Zeit (Ende 98) hatte ich nur diesen Fuzz aus Cubase und auf der anderen Seite ordentliche Tube-Preamps. Dazwischen klaffte eine Riesenlücke. Na gut, die ist jetzt auch noch da...
MEMI: Was gefällt dir besonders beim Programmieren am Mac-/Windows-PC?
Sascha Eversmeier: Dass man Tage und Wochen seines Lebens verplämpern kann, ohne Geld auszugeben. Der Rechner treibt mich regelmäßig in den Wahnsinn, aber unter'm Strich ist die Zeit besser verbracht, als sein Geld zu versaufen oder in zweifelhafte Pillen in zweifelhaften Clubs zu stecken :D
MEMI: Welche Fähigkeiten braucht man sonst, außer Programmiersprache(n)?
Sascha Eversmeier: Nicht für alle Bereiche, aber für viele sollte man schon wissen, wie die Elektronik funktioniert. Um z.B. zu verstehen, wie ein digitales IIR-Filter arbeitet, ist es schon vorteilhaft, wenn man das analoge Pendant kennt. Auch Grundschaltung wie etwa Verstärker-Topologien (Class A, B, AB), OP-Amps etc. muss man kennen, wenn man ansatzweise die analoge Welt nachbauen will. Letztendlich trifft sich das alles bei traditionellen Disziplinen der Nachrichtentechnik wie Vierpolberechnung und Netzwerkgleichungen, wenn man's etwas ernster nimmt.
MEMI: Habt ihr spezielle Tools auf die Ihr zurückgreift?
Sascha Eversmeier: Ich mache gelegentlich Messungen an realem Equipment. Für echte Außenwelt-Dinge nehme ich das Pult, Testsignale, das betroffene Gerät (z.B. ein Preamp), ein einfaches Einstrahl-Oszilloskop und ein Multimeter. Das geht schneller und intuitiver als im Rechner. Erst wenn ich genaue Analysen brauche, nehme ich irgendwelche Signale als WAV auf. Erst danach geht's ans Eingemachte.
Ansonsten kann man prima Berechnungen in Excel und mathematischen Programmen anstellen. Ich benutze gelegentlich Maple (was ich schon länger kenne), andere nehmen lieber Matlab. Letzlich geht's ums Funktionen plotten und Gleichungen ausrechnen.
MEMI: Wie ist die Zeiteinteilung für deine Projekte?
Sascha Eversmeier: Ganz einfach: solange, bis die Augen schmerzen, der Lebenspartner
einem auf's Dach steigt oder andere Ausfallerscheinungen auftreten...
:D
Im Ernst: es gibt keine. Termine muss ich im Job schon genug halten.
Alle Zeitaussagen zu den Plugins sind aus dem Bauch heraus gefällt.
Wenn's nicht passt, ist es mir wurscht.
Die ersten 80% bei einem Projekt sind meist schnell erreicht. Leute,
die mich kennen, wissen, dass ich mich nur zu gerne mit Details
aufhalte. Vor allem der Sprung von 95 nach 100% (wenn überhaupt) kann
Wochen oder Monate dauern. Die Fish Fillets hatte ich ursprünglich
für Juli anvisiert. Und siehe da, bald ist Weihnachten. Böse Zungen
behaupten, ich hätte ein grottenschlechtes Zeitmanagement :D
MEMI: Woher nimmst du deine Inspiration für deine Programmierkünste?
Sascha Eversmeier: Vorab: aus Sicht des Softwareengineering bin ich eher ein schlechter
Entwickler. Vieles geschieht zu iterativ, ich habe eine große
digitale Bastelkiste, in die ich hineingreife und die Bauteile wirken
lasse.
Inspiration ist aber eigentlich eher der Wille, irgendwas konkretes
in Software zu gießen, für das ich sonst in der Analogwelt erst noch
einen Prototypen entwickeln lassen müsste oder für teures Geld
irgendwas kaufen müsste. Geld, das ich nicht habe oder nicht bereit
bin, auszugeben.
Manchmal ist es aber einfach nur Neugier, wie die Dinge
zusammengreifen.
MEMI: Was ist dir besonders wichtig, wenn du bestimmte Ideen verwirklichen möchtest?
Sascha Eversmeier: Zeit und Ruhe. Im Moment vor allem Abstand. Nach den Fish Fillets
werde ich eine Auszeit nehmen, selber mehr Musik machen, und ohne
großes Tamtam an neuen Dingen arbeiten. Bloß nix ankündigen.
Höchstens mal hier und da einen PC-Port von Urs ;)
In der Vergangenheit habe ich zu früh im Netz irgendwelche
Ankündigungen gemacht. Sowas ist fatal, denn die Plugin-Community ist
eine nimmersatte Raupe, die den Bauch nicht voll genug kriegt ;)
MEMI: Wie gehst du vor, wenn du deine Ideen umsetzen möchtest?
Sascha Eversmeier: Ich muss vor meinem geistigen Auge eine klare Vorstellung haben, wie das Endprodukt aussieht, und es muss mich dabei schon fesseln. Alles andere kommt von allein.
MEMI: Machst du das komplett in Eigenregie, oder hilft dir noch jemand dabei?
Sascha Eversmeier: Seit neuestem hilft mir Urs, wenn ich nicht weiterkomme in Sachen Performanceoptimierung und anderer Tricks und Kniffe. Ich frage ihn die viel zitierten Löcher in den Bauch. Ansonsten tausche ich mich hin und wieder mit anderen aus, wenn's um Elektronik und Analogtechnik geht. Zu viele Fragen sind noch unbeantwortet.
MEMI: Würdest du auch gerne Hardware-Projekte umsetzen?
Sascha Eversmeier: Ich bin Bastler, seit ich als Kleinkind das erste Mal (der Legende
nach) in die Steckdose gefasst habe. Momentan stricke ich an einem
Opto-Kompressor. Eine ganz billige OP-basierte Grundschaltung mit
einem Minimum an Bauteilen. Regelt aber erschreckenderweise fast
immer besser als das meiste, was ich bislang in Software gehört
habe...
Solche Sachen sind aber Privatsache, aus reinem Selbstschutz bleibt
sowas unveröffentlicht. Es gibt weitaus bessere DIY-Projekte im Netz
Richtung Kompressoren, sogar die Kiste Urei/Teletronics, Fairchild &
Co.
MEMI: Machst du selbst Musik?
Sascha Eversmeier: Wär schlimm, wenn nicht, gell? In letzter Zeit zu wenig. Schuld ist aber auch dieser Plugin-Kram. Die Balance zu finden ist schwierig; ich bin dazu gezwungen, zu sagen 'hopp oder topp'. Gerade war 'Hopp', Anfang 2003 wird defintiv die Phase 'Topp'. Man kann sich aussuchen, was das ist... :D
MEMI: Wann hast du gemerkt, dass dein Interesse häuptsächlich der Musik gewidmet ist, und warum hast du es weiterverfolgt?
Sascha Eversmeier: Es ist ein typischer Traum eines Heranwachsenden, zu sagen, Musik ist
der Mittelpunkt des Lebens. So etwas habe ich schon recht früh von
mir gegeben und stand auch jahrelang dahinter. Nun, mit 31, wendet
sich das Blatt, und das Leben wird facettenreicher. Ich wollte nie mit
meiner Musik Geld verdienen (na gut, mit 16 wollte ich mit meiner
Metal-Band nach Kalifornien in die Bay Area und denen zeigen, was 'ne
Harke ist...), aber in letzter Zeit macht sich der Wunsch breit,
vielleicht doch mal irgendwann auf dem Land in irgendeinem schmucken
Häuschen ein Studio zu bauen, in idyllischer Lage und so...
Ich wär aber nicht traurig, wenn es ganz anders kommt und
irgendwelche Kinder am Hosenbein zerren.
In seiner Jugend ist man sehr egozentrisch. Mit den Jahren gibt sich
das.
MEMI: Wie siehst du die wirtschaftliche Entwicklung im Musik-/Produktionssektor?
Sascha Eversmeier: Im Prinzip trifft die aktuelle wirtschaftliche Lage auch 'unser'
Business mit voller Härte. Manche Probleme sind auch hausgemacht, wie
zum Beispiel das Ding mit mp3, Tauschbörsen und das Gejammer der
Industrie wegen schwindender Absatzzahlen. Wenn ich jahrelang ein Business nur per Trendscouts betreibe,
konsequent auf konstruierte Acts und gecastete Laiendarsteller setze
als auf Künstler, die sich den Allerwertesten abspielen, muss ich mich
nicht wundern, wenn es so endet.
Aber ich bin eigentlich froh, dass es jetzt so kommt; es findet gerade
ein Gesundschrumpfungsprozess statt. Ich möchte, dass auch meine Kinder
später noch so was wie Tonträger kennen und somit kaufe ich auch
meine CDs nach wie vor.
Was die Produktion angeht, bin ich stock-konservativ. Während andere
auf das komplett virtuelle Studio setzen, habe ich mir vor Anfang
2002 etwas geleistet, wofür mir einige den Vogel zeigen würden (ein
60kg schweres Soundtracs-Pult :)). Ich mag Dinge, die sich noch nach
was anfühlen und wo man merkt, 'das ist echte Ingenieurskunst'. Was
soll ich sagen, es klingt einfach immer noch besser, vor allem klingt
Synthetik nicht mehr so synthetisch, irgendwie 'dickflüssig'.
Aber es kommt auch auf den an, der davor sitzt. Dieses sperrige,
stromfressende und rauschende Zeug triggert mich einfach mehr als der
Rechner. Manch anderer kriegt bei sowas halt die Krise.
Vielleicht steht es im Kontrast mit der Tatsache, dass ich Plugins entwickle. Momentan läuft aber alles noch im Einklang. Die Summe ist nicht der VST-Bus, sondern alles landet hübsch auf Einzelspuren am Soundtracs und geht es dann wieder in den Rechner. Sozusagen das beste von beidem. Mäuseschubser bin ich schon tagsüber genug :D
MEMI: Wohin geht dein persönlicher (auch musikalischer) Geschmack?
Sascha Eversmeier: Ich bin ein Kind der 80er. Eine meiner ersten selbstgekauften Singles
war 'Everything counts' von Depeche Mode. Da war ich 13 und hatte die
Erstauflage im roten Vinyl. Zu meinen ewigen Lieblingen gehören
Alphaville, Howard Jones und solche geniale One Hit Wonder wie Dead
Or Alive ('You spin me round'). Irgendwie witzig, wenn man damit groß
geworden ist und fast 20 Jahre später die nächste Generation danach
abzappelt und so tut, als sei das der neueste Trend :D
Ende der Achtiger hatte ich ein paar Jahre so'ne Metal-Phase. Das
einzige, was ich davon heute noch ohne Schamesröte hören kann, ist
Metallica und Dream Theater.
Dann kam für mich die Zeit von 'I wear black on the outside, 'cause
black is how I feel on the inside'. Der Kenner erkennt die Zeile: The
Smiths. Neben denen fanden auch andere Friedhofskappellen Verwendung
(Sisters of Mercy, The Mission, Field Of The Nephilim, The Chameleons
etc.). Erst mit den Jahren sollte die Elektronik wieder kommen, in
Form von Depeche Mode (legendär: Music for the Masses, Violator) und
Newcomern wie Wolfsheim, Covenant oder auch unfreiwillig komischen
Acts wie Project Pitchfork.
Heute ist mein Musikgeschmack recht breit gestreut. So finde ich
Robbie William's Adaptionen von Sinatra und Dean Martin sehr
sympathisch. Und diese drei Radio-Säusel-Schnittchen von The Corrs,
mein lieber Scholli... aber das gehört nicht hierher... :D
Marilyn Manson darf ich aber leider nach wie vor nur beim Staubsaugen
hören. Veto meiner Lebensgefährtin :[
MEMI: Was würdest du jungen Einsteigern mit auf den Weg geben wollen (sowohl musikalisch als auch technisch betrachtet)?
Sascha Eversmeier: Sich nicht von der Industrie einlullen lassen. Das geht ja manchmal zu so bei Amazing Discoveries, man kriegt Dinge angedreht, die kein Mensch braucht und die man nach ein paar Wochen in den Keller bringt. Man wird zugemüllt mit Gimmicks und Gadgets, mit denen man doch ach so produktiv arbeiten könne, dabei ist so vieles davon reine Abzocke, und man ist ohnehin nur Betatester, weil im Projektplan keine Zeit dafür war. (Eine Regel im Softwareengineering besagt, dass mindestens 70% der Projektzeit für Tests drauf gehen. Ähm ja...)
Überhaupt ist die heranwachsende Generation jetzt schon ein Opfer ihrer eigenen Konsumsucht. Das fängt bei Klamotten und Handys an und endet beim Glaubenskrieg zwischen Mac und PC. Einige davon würde ich gerne mal für ein paar Monate mit einem Fostex 280 und Monacor Eimerkettenecho einsperren... ;)
MEMI: Was fällt dir zum Thema Surroundproduktion ein?
Sascha Eversmeier: Nix. Da bin ich purer Konsument und jedesmal beeindruckt, wenn sie mir im Kino die volle Ladung um die Ohren pusten. Als Musiker würde ich mich aber nicht als ein Teil dieser Technik sehen, zumal die wenigsten Produktionen auch nur das Potential einer Stereoaufnahme wirklich nutzen.
MEMI: Was gehört deiner Meinung nach an einer Aufnahme/Wiedergabekette noch verbessert?
Sascha Eversmeier: Auf jeden Fall der- oder diejenige am Anfang und Ende der Übertragungskette. Alles dazwischen ist völlig egal. Siehe mp3. Klangtreue interessiert da draußen keine Sau.
MEMI: Kennst du ein paar gute Internetforen/Printmagazine, wo man sich als Musiker mit technischer Affinität mal anschauen sollte?
Sascha Eversmeier: Die wenigsten haben eine durchweg stabile Qualität. Meistens bleibe
ich mit Google irgendwo hängen. Einige, die trotzdem immer einen
Besuch wert sind: Keyboards-Forum, Sound On Sound, prorec.com,
kvr-vst. Ansonten hole ich mir meine Infos schon eher über Bücher und
bin auf dem besten Weg zum Kassenschlager bei Amazon... :D
Meine Lieblingslinkliste: epanorama.net
MEMI: Wie steht ihr zu den Hard- und Softwareherstellern aus der Musikbranche?
Sascha Eversmeier: Einige davon kennt man persönlich, andere spätestens aus der vstplugins-Liste. Letztendlich bleiben die 'großen' lieber unter sich, aber gerade die 'kleinen' haben in den letzten Jahren viele Bereiche weitergetrieben. Ohne Free- und Shareware-Veteranen wie Paul Kellet (mda) oder Dave Brown (db Audioware), Vellocet oder Bram De Jong (music-dsp) wäre z.B. VST nicht da, wo es heute ist, mit dieser pulsierenden Community und dem tägliche wachsenden Angebot. Solche Leute haben viel Basisarbeit geleistet, die wiederum den 'großen', aber auch den vielen Nachzüglern wie digitalfishphones zugute kommt, denn man muss das Rad nicht nochmal erfinden. Das wird leider zu oft vergessen. Deshalb auch mein Appel: Support Shareware.
MEMI: Was war dein schlimmstes/bestes Erlebnis bisher?
Sascha Eversmeier: Im Bezug auf Musik?
- Mit der Indie-Band auf einer Party mit 3000 Leuten gespielt zu
- haben
- meine Erfahrungen als FOH-Mann bei einer Veranstaltungsfirma
- Bei dominion mit Panik den monatlichen Traffic zu beobachten
MEMI: Wie ist das Feedback aus der Community?
Sascha Eversmeier: Erschreckend positiv.
MEMI: Möchtest du das später hauptberuflich machen?
Sascha Eversmeier: Kurzantwort: Nö.
Langantwort:
Ich arbeite tagsüber an serverbasierten Applikationen, Datenbanken
und so'n Zeug. Vielleicht auf den ersten Blick weniger spannend; ich
habe aber die Erfahrung gemacht, dass der Gedanke, sein Hobby zum
Beruf machen zu wollen, auch ins Gegenteil umschlagen kann.
Diejenigen, die sich mit Audio und DSP beruflich ihre Brötchen
verdienen, machen zum Großteil auch das selbe wie woanders in der
Entwicklung auch, nämlich auch viel unangenehme Dinge oder Routine,
Korrespondenz, sind Teil eines Projektteams, inmitten einer
Hierarchie etc.
Es stimmt nicht alles, was in den bunten Magazinen steht... die Leute
sitzen da nicht den lieben langen Tag und machen Mucke und denken
sich spleenige Sachen aus... die knüppeln wie andere auch gegen
Termindruck und Diktate aus dem Marketing an. Und wenn sie einwenden
'damit's gut klingt, brauchen wir aber zwei Wochen länger', zeigt man
ihnen den Vogel oder fragt, ob sie solange auf ihr Gehalt verzichten.
Ich finde es eigentlich ganz gut, eine Trennung zwischen Beruf und
Hobby zu haben. Da kann ich nach Feierabend einen Schalter umlegen
und auf was anderes schalten. Andernfalls müsste ich mir ständig die
Frage stellen, 'Bin ich noch kreativ? Hole ich das maximale heraus?
Stehe ich noch dazu?'.
Bei einer Datenbank kann ich auch unausgeschlafen sehen, dass dieser
oder jener Query nicht performant läuft und das Modell hinkt. Dann
nehme ich irgendwelche Tools aus der Schublade, erinnere mich an die
weisen Worte eines Dozenten oder halte ein Schwätzchen mit dem
Kollegen, und man kriegt das hin. Im Team sowieso. Bei einem
Effekt-Algorithmus brauchst du aber frische Ohren und unglaublich
viel Zeit und Ruhe. Gerade wenn es um Nuancen geht, gibt es keine
Ruckzuck-Lösungen. Es ist tatsächlich so wie im Instrumentenbau. Im
Idealfall jedenfalls. Wenn man es industrialisiert, geht etwas
verloren.
Die Tatsache, dass viele Audio-Plugins oder Softsynths nicht so klingen, wie sie klingen könnten, hat nichts mit der 'Professionalität' zu tun, sondern schlicht mit Ruhe, Zeit und Sorgfalt und der Erkenntnis, dass da Menschen hintersitzen, die im Laufe der Zeit zu einer gewissen Form reifen. Eigentlich ist das so wie in der Whisky-Werbung. Die wenigsten Firmen bezahlen aber ihre Mitarbeiter für's Whisky trinken (um bei der Analogie zu bleiben...). Ich kenne einige Talente, die in einer solchen Position regelrecht verkümmern, weil die Rahmenbedingungen es nicht zulassen, dass sie so arbeiten, wie sie gerne möchten...
Die momentane wirtschaftliche Flaute geht auch an DSP-Buden nicht vorbei, zumal es viel mehr Konkurrenz gibt als noch vor ein paar Jahren. Wenn man irgendwann Familie haben will, schaut man schon, ob der eigene Job 'inspirierend' oder einigermaßen im sicheren Fahrwasser ist ;)
Wenn ich mir andere Instrumenten-Märkte ansehe, z.B. Gitarren und Bässe, so staune ich immer wieder, wie stabil der Markt ist. Da dreht sich die Welt seit Jahr und Tag gleich, eine Fender Stratocaster USA ist eine Fender Stratocaster USA, nur wir selbstverliebten Computermucker und Top-Produzenten von Morgen brauchen unbedingt ein neues Spielzeug. Ist schon irgendwie krank.
MEMI: Wie siehst du deine Zukunft?
Sascha Eversmeier: Als Immer-noch-nicht-Bausparer sehe ich sie nicht 'blau'. :D
Jeder hat sicherlich Eigenschaften und Talente, die ihn besonders
machen, man braucht aber mitunter einige Jahre, um sie zu erkennen.
Manchmal kann es aber auch der Lebenspartner sein, der so etwas
erkennt oder fördert. Solange man Halt im Leben hat und auf seine
Fähigkeiten vertraut, ist alles andere egal.
MEMI: Waren diese Fragen für dich sinnvoll oder eher sinnlos?
Sascha Eversmeier: Ich komme gerade zu spät zum Abendessen und verpasse den Fernsehfilm der Woche...
MEMI: Darf ich die Fragen und Antworten auf meiner Website veröffentlichen?
Sascha Eversmeier: Im Gegenzug solltest Du dann aber mal irgendwann Kostproben Deines musikalischen Könnens veröffentlichen ;)
MEMI: Wie kann man junge Talente am besten unterstützen?
Sascha Eversmeier: Indem man sie anstatt 'jung' als 'Erwachsene' behandelt. Momentan
wird aus allem Kohle gemacht, was bloß unerfahren ist, keine
Berufsausbildung hat oder sich sowieso nicht anders artikulieren kann
als durch ein bisschen Tralala zum Dreiviertelplayback.
Man sollte die Leute auch künstlerisch nicht nur förden, sondern auch
fordern. Statt den perfekten Tanzschritt sollte dieses ganze mediale
Kanonenfutter lieber mal ein Instrument lernen und ihre Songs selber
schreiben.
Ansonsten wird es in den nächsten Jahren viel mehr dieser
verbrauchten und kaputten Existenzen geben.
Erst starben die Boygroups wie die Fliegen, Zlatko und Jürgen waren
auch noch nicht die Krone der Geschmacklosigkeit. Als nächstes kommt
der dahinsiechende deutsche HipHop. Mal sehen...